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Witwenprojekt

Michel hat als Buchhalter eine gute Figur gemacht. Auch wenn die Frauen mit Beträgen von 500 bis 1000 Rupien pro Monat einen bescheidenen Beitrag an Rückzahlungen leisten, kam im vergangenen Jahr genug Geld zusammen, um aus dem Pool zwei weitere Kredite zu vergeben.

Zwei Kredite haben wir neu vergeben, einen sehr zu unserer Freude an Sifani mit der Reismühle.

Buchhaltung machen

 

Es ist bereits ihr dritter und auch ihre Tochter wird einen erhalten, sobald im Februar wieder genug Geld im Pool ist.

Sifanis kleine Enkeltochter, die mich voriges Jahr “eingenässt” hatte, stand bereits auf ihren krummen Beinchen und strahlte. Es ist eine sehr schönes Gefühl, Anteil am Leben dieser Frauen zu haben.

 

Die betreffenden Witwen mit den drei Ausfällen hatten wir ja im vergangenen Jahr schon besucht und schlugen deshalb vor, diese Kredite schlicht abzuschreiben. Mit Roys heftiger Reaktion hatten wir nicht gerechnet: Es sei ein völlig falsches Signal und falls sich das herumsprechen sollte, könnte es das ganze Projekt gefährden.

 

 

 

 

 

 

Gruppenbild mit TheresSifani's Enkeltochter

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Er bestand darauf, die Frauen zu besuchen, und redete ihnen ins Gewissen. Wir saßen etwas unglücklich daneben, sahen aber seine Beweggründe ein.

Die einzig negative Überraschung war in diesem Jahr Chammi………….Ihre Beiträge für die vergangenen sechs Monate fehlten!!?

Ich hatte das letzte Mal im Frühling von ihr einen Brief erhalten. Sie war mit dem Motorrad gefallen, und als die Schmerzen immer schlimmer wurden, ging sie ins Spital, wo Gallensteine festgestellt wurden. Durch die folgende Operation hätte sie Aufträge verloren, zudem hätte der Vermieter die Miete derart erhöht, dass sie sich zwei Häuser weiter einen neuen, billigeren Laden gemietet hätte. Dort musste sie jedoch eine (landesübliche) Vorauszahlung leisten.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wir haben ihr 400 Franken geschickt.

ChammiChammis Laden

 Zwei Monate später war Humaid ein paar Tage in Hambantota und übermittelte die Nachricht, der Laden sei geschlossen und er hätte Chammi nicht erreichen können.

Diese meldete sich per sms Ende Mai bei mir mit der Nachricht, sie würde wieder arbeiten und hätte gute Aufträge, und sie würde heiraten!! Es gäbe nur eine kleine Hochzeit, da sie nicht viel Geld hätten………….. Wir sandten unsere herzlichen Glückwünsche und stellten in Aussicht, sie und ihren Mann im Oktober zu treffen.

In Chammis LadenIn Chammis Laden

Das Wiedersehen war herzlich (wir hatten zu dem Zeitpunkt noch keine Ahnung von den fehlenden Rückzahlungen) und neben dem sichtlich runden Bauch fielen mir als erstes mehrere fehlende Zähne auf der oberen rechten Seite auf.

Chammi mit ihrem neuen "Mann"

Zur Erinnerung: Chammi hat ihren ersten Mann, als sie im siebten Monat schwanger war, bei einem Verkehrsunfall in Colombo verloren. Zehn Tage später verlor sie ihr Kind und kehrte daraufhin zu ihren Eltern nach Hambantota zurück. Dann kam der Tsunami.

Wir freuten uns sehr über ihr neues Glück, bekamen aber von Roy arge Dämpfer. Der Mann sei ein drogenabhängiger Kleinkrimineller.

Wir konnten uns das schlicht nicht vorstellen und versuchten, so unvoreingenommen wie möglich, uns selber ein Bild zu machen. Die beiden besuchten uns am ersten Abend in “unserem” Häuschen, und er machte einen sehr angenehmen Eindruck.

Wir hatten uns darüber unterhalten, dass ein in die falsche Familie geborenen Mensch in Sri Lanka nie die Chance haben wird, sich von Vorurteilen frei zu machen und genau dies schien bei ihm auch der Fall zu sein.

Er war sichtlich bemüht um Chammi und schien sich sehr auf das Kind zu freuen. Er habe in Kuwait gearbeitet und würde jetzt seinem Bruder beim Fischen helfen.

Chammi betonte, dass er ihr eine grosse Hilfe sei. Da sie nicht mehr Motorrad fahren könne, würde er sie jeweils in den Laden fahren, bzw. abholen und er hätte sogar schon beim Zuschneiden geholfen.

Sie sahen sich die Bilder von unseren Enkelsöhnen an, und er meinte, er könne es kaum abwarten, selber so ein kleines Würmchen in den Armen zu halten………und auf das Bild mit Noah im Maxicosi deutend: So was hätte er auch gerne, am besten mit Rädern dran.

Chammi hätte ihm erzählt, wie sehr wir ihr schon geholfen hätten, und ich  konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er uns ansah wie ein kleines Kind den Weihnachtsmann!?

Trotzdem überwog der gute Eindruck und wir gingen mit dem Gefühl ins Bett, dass alles wohl nur halb so schlimm sei.

Roys Informationen am nächsten Morgen waren ein Schlag ins Gesicht.

Zu dem Zeitpunkt im Frühling, als Chammi uns von ihren finanziellen Schwierigkeiten berichtet hätte, sei der Kerl wegen Dealerei verhaftet worden, und der Grossteil der 400 Franken sei wohl dazu verwandt worden, ihn aus dem Gefängnis zu holen.

Seit sechs Monaten würde er keinen Fuss auf das Fischerboot seines Bruders mehr setzen, sondern mit Sonnenbrille auf Chammis Motorrad durch die Gegend fahren.

Sie hätten nach dem Gefängnisaufenthalt einen Laden mit Gebrauchtkleidern eröffnet und das Geschäft habe gebrummt. Der ganze in Colombo aufgekaufte Container sei in kurzer Zeit verkauft gewesen - und keine Ahnung, wo das Geld abgeblieben sei.

Er fuhr mit uns zu dem verwaisten Laden, wo noch das Schild hing, und es kam noch schlimmer:

Ob wir seine Frau besuchen wollten??

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Diese fanden wir in einer sehr ärmlichen Gegend im Haus ihrer Eltern. Dem Redeschwall der jungen Frau konnten wir nicht folgen, aber ihre Narben waren zu frisch, um vom Tsunami zu stammen und als sie ein dreijähriges Kind auf den Arm nahm, dass dem Kerl wie aus dem Gesicht geschnitten war, blieben keine Fragen mehr offen.

Er, der es nicht abwarten konnte, ein kleines Würmchen im Arm zu halten, hat eine kleine Tochter, die sich die von Krätze befallenen Füsse wund kratzt.

Sie hätten im Haus seiner Eltern gewohnt, und als sie gewagt hätte, nach der Herkunft des Motorrades und seiner Beziehung zu Chammi zu fragen, hätte er sie ins Krankenhaus geprügelt. Über das rechte Knie zog sich eine 20 Zentimeter grosse Narbe, und die Tränen und die Verzweiflung der Frau waren kaum zu ertragen.

Um seine Tochter würde er sich gar nicht kümmern, und sie habe ihre letzten verbliebenen Ohrringe versetzen müssen und eine Cousine habe noch ihren Ring verpfändet, um die Rechnung des Krankenhauses bezahlen zu können. Der Anwalt würde jeweils 20 Franken kosten, und sie habe keine Handhabe, gegen ihn vorzugehen. Neben den Hochzeitsfotos bekamen wir auch noch die zwei Pfandscheine vorgewiesen.

Ich hatte ein Couvert in der Handtasche, das ich hinter dem Rücken der Männer und entgegen besseren Wissens hatte Chammi zukommen lassen wollen, und sagte der Frau, sie solle sich am nächsten Tag das Geld bei Zariya holen, um die Pfandscheine einzulösen, und wann immer sie Geld für den Anwalt brauchen würde, solle sie ebenfalls bei Zariya vorstellig werden. Und sie solle dem Herrgott danken, dass sie den Kerl losgeworden sei. Das hat Roy nicht mehr übersetzt. Also habe ich gedankt, dass ich nicht in einem Land lebe, indem ein prügelnder, drogenabhängiger Ehemann besser ist als gar keiner.

Er hat sich an Chammi rangemacht und wird vermutlich nicht von ihr lassen, bevor sie gar nichts mehr hat. Ihre Hochzeit ist nicht legal, da er ja bereits verheiratet ist, und es hätte mir zu denken geben müssen, dass sie seit vier Monaten verheiratet im sechsten Monat schwanger ist…………

Wir haben ihr einen Kinderwagen und sonstige Ausstattung für das Kind gekauft und im Laden übergeben. Es war an unserem letzten Tag in Hambantota, und wir hatten sie am Morgen auf der Strasse mit dem Motorrad gesehen - ihr Mann lag um die Tageszeit vermutlich noch im Bett. Es muss ihr klar gewesen sein, dass wir im Bilde waren. Vermutlich hatte sie sogar erfahren, dass wir seine Frau besucht hatten.

Ich habe ihr eingeschärft, dass sie bei Zariya jederzeit Hilfe für sich und das Kind bekommen würde. Der Gedanke, dass sie am Abend Prügel beziehen würde, weil sie zu doof war, Geld von uns zu bekommen, machte mich buchstäblich krank.

Michel neigte eher zu Tagträumen, in einem Land, in dem sich alles kaufen lässt, den Kerl mit seinen eigenen Waffen von Chammi fernzuhalten. Roy mahnte uns daran, dass seine Gefährlichkeit nicht zu unterschätzen sei und auch Zariya und seine anderen Schwägerinnen in Gefahr sein könnten, falls wir so etwas auch nur andenken würden.

Ich habe ganz am Anfang des Microkredit Projektes von den Vorteilen eines Projektes mit Witwen geschrieben: kein Mann da, der das Eiergeld versäuft………………

Soviel dazu. Wir können nur hoffen, dass ihr ein gesundes Kind und ein paar Zähne bleiben und sie alles, woran er Interesse hat, so schnell wie möglich verliert.

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