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Resla

Alles Daumendrücken hat nicht geholfen. Reslas E-Mails wurden immer belangloser, und sie beantwortete Fragen nur ausweichend. Zu guter Letzt wurde es mir zu dumm und ich habe ihr eine Liste von Fragen gestellt, die ich mit einem einfachen Ja oder Nein beantwortet haben wollte.

ReslaGesprächer mit ReslaEs stellte sich heraus, dass sie knapp zwei Monate zur Schule gegangen war. Die Frage, weshalb sie sich nicht an Roy oder an uns gewandt hätte, wurde mit denselben Ausflüchten wie im Jahr zuvor beantwortet. Das Nachholen des Stoffes hätte sich zudem schwieriger als erwartet erwiesen, und sie möchte ihre Matur nun gerne an einem privaten Institut und nicht an der staatlichen Schule erwerben.

Ob ihr das nach einem halben Jahr zuhause herumsitzen in den Sinn gekommen sei? Das war nur eine der Fragen, die Resla unbeantwortet ließ und nicht viel mehr als “I am so sorry “ von sich gab. Nachdem ich ihr beschied, dass wir die Zahlungen an sie per sofort einstellen würden, hörten wir gar nichts mehr.

Vor Ort dauerte es ganze vier Tage, bis sie sich zum Haus von Roni bequemte. Wir hatten im Vorfeld in der Schule und bei Verwandten Erkundigungen über sie eingezogen und waren zu dem Zeitpunkt nicht nur bitter enttäuscht, sondern auch ziemlich verärgert.

Es stellte sich heraus, dass sie zwar immer noch bei der Schwester der Grossmutter wohnte, ihre Tage aber im leer stehenden Haus der Grossmutter verbrachte. Ein Unding für ein Mädchen ihres Alters in Hambantota. Die Kindergärtnerin ist die Schwester ihres verstorbenen Vaters und erzählte uns, dass sie dem Mädchen angeboten hätte, im Kindergarten ein Praktikum zu absolvieren. Das Angebot wurde dankend abgelehnt, und wenn sie Resla auf ihr Verhalten ansprechen würde, hätte sie über kurz oder lang einen geharnischten Anruf der Grossmutter mütterlicherseits aus Abu Dhabi. Ihr würde das Mädchen am Herzen liegen, aber sie sei nicht gewillt ihretwegen einen Familienstreit vom Zaun zu brechen.

Wir haben auch mit der Rektorin der Schule gesprochen, und sie relativierte die zwei Monate, die Resla die Schule besucht haben wollte, bevor ihr es die Grossmutter angeblich wieder verbot. Das Mädchen sei höchstens drei Wochen im Unterricht gewesen und dann kommentarlos weggeblieben.

Als Resla mit Roy immer wieder ins Singhalesisch wechselte, machte ich meinem Ärger Luft. Ihre Patin hätte Jahre lang für ihre Schulbildung Geld geschickt, und sie solle bitte Englisch sprechen, damit ich dem Gespräch auch folgen könne.

Auch sonst hielt ich mit meinem Ärger nicht hinter dem Berg. Ich könne ihr einfach nicht mehr glauben. Wenn sie in dieser Gesellschaft als 19-Jährige ihre Tage alleine in einem Haus verbringen dürfe, sei es ausgeschlossen, dass ihr jemand zur selben Zeit den Schulbesuch verbieten würde.

Auch von einer Zwangsverheiratung könne keine Rede sein, da sie ja nach eigenen Angaben den Bewerber abgewiesen habe. Ein Praktikum im Kindergarten sei wohl auch nicht prickelnd genug, und am schlimmsten für uns sei ihr infantiles Gebaren. Die Grossmutter und die Verwandtschaft väterlicherseits gegeneinander aufzuhetzen, um tun und lassen zu können,  was ihr belieben würde, sei das Verhalten eines verzogenen Kindes und nicht das einer jungen Frau.

Die Chance auf eine Ausbildung hätte sie gründlich vermasselt, und ob ihr klar sei, dass ihr nichts mehr bliebe, wenn sie nun auch ihren Ruf ruinieren würde.

Ob die Appelle etwas gefruchtet haben? Wir werden es erfahren, und Resla weiß das.  Im Laufe des langen Gesprächs wurde der Eindruck immer stärker, einem völlig verzogenen Kind gegenüber zu sitzen.

Aber es wäre zu einfach, der Grossmutter Vorwürfe zu machen. Die Frau arbeitete in Abu Dhabi, um ihre vier erwachsenen Kinder und deren Familien zu unterstützen. Nach dem Tsunami hatte sie keine Kinder mehr, keine Schwiegerkinder und nur noch eine Enkeltochter. Ich schaffe es nicht einmal, mir eine vergleichbare Situation auch nur ansatzweise vorzustellen, ohne dass es mir die Luft abschnürt.

Carema im Gespräch mit Resla

Roni und Carema, beide pensionierte Lehrer, führten dann noch ein längeres Gespräch mit Resla. Das mit dem leeren Haus der Grossmutter sei halb so wild, es läge ja gleich hinter dem Haus von Grossmutters Schwester.

Michel kann bestätigen, dass mein Orientierungssinn kaum entwickelt ist. Aber wir hatten das Mädchen ein halbes Dutzend Mal im Haus der Grossmutter besucht und vergangenes Jahr im Haus deren Schwester, und ich war mir sicher, dass die beiden Häuser Kilometer auseinander liegen.

„Willst du damit sagen, dass uns Resla ins Gesicht gelogen hat?“

Des Rätsels Lösung: Ich hatte Recht, aber doch nicht ganz. Das Haus der Schwester liegt tatsächlich eine 200 Rupien Tuk Tuk-Fahrt (Geld, das anderen fehlt, um die Kinder in die Schule zu schicken) entfernt, aber in der Strasse dahinter lebt eine weitere Schwester der Grossmutter. Die Häuser sind jedoch durch eine hohe Mauer getrennt, gegenseitig nicht einsehbar und nur durch einen Marsch um die ganze Häuserzeile zu erreichen.

„Hat sie nun gelogen?“ Meine Gegenfrage wurde von Roni mit Gelächter quittiert.

Ich werde es Resla noch wissen lassen, dass der Grad zwischen „nicht alles erzählen“ und „lügen“ sehr dünn ist. Vor allem wenn das Gegenüber so hartnäckig und so gut vernetzt ist, wie wir es sind.

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